Einmal Bundesliga 

  und zurück

12.05.2017

Einmal Bundesliga und zurück

 

Die Friedberg Braves lockten in der Baseball-Bundesliga einst mehr als 400 Zuschauern auf die Seewiese. Heute spielen die Kreisstädter in der Verbandsliga. Die Zeit scheint stehengeblieben.

Die deutschen Meister kamen. Donald Lutz, der später in der Major League Schlagzeilen schrieb, lernte einst auf der Seewiese das Schlagen, Werfen und Fangen. Einmal war der Baseball-Klub aus der Kreisstadt für die Playoffs in der Bundesliga qualifiziert. Das ist lange her. Heute, im 30. Jahr nach der Gründung, spielen die Friedberg Braves in der Verbandsliga. Immerhin. Fünf Jahre lang hatte man kein Herren-Team gemeldet.

Franzisco Lucio-Tippmann hat die Erinnerungen aus drei Jahrzehnten aufbewahrt. In zahllosen Kisten und Alben. Saisonhefte, Zeitungsartikel, Fotos von Spielen, als oft 400 Zuschauer und manchmal auch mehr eine neue bis dato exotische Sportart für sich entdeckt haben.

 

Bei ihm zu Hause in Schwalheim schlägt das Herz der Braves. Tippmann gilt als ein Mann der ersten Stunde, auch wenn er nicht zu den Gründungsmitgliedern zählt. 1998 stieß er dazu und ist - mit Ausnahme einer dreijährigen Unterbrechung - bis heute dabei. Mehr als ein Jahrzehnt war er Vorsitzender, mittlerweile schaut er vorwiegend auf die Finanzen und hält mit Trainer Steffen Kurz die Fäden zusammen. »Es war eine sehr, sehr schöne Zeit, und viele Kontakte im In- und Ausland bestehen noch heute«, sagt er und spricht von »Herzblut«, das ihn noch immer antreibe.

Die Blütezeit des US-amerikanischen Volkssports in Friedberg lag in den 90ern. Sie ist lange vorbei. Groß war damals die Neugier am komplexen Zusammenspiel zwischen Laufen, Schlagen und Werfen, zwischen Strategie und einem kaum zu vermittelnden Regelwerk. Ebenso groß war auch die Identifikation mit der Mannschaft, deren Stamm sich aus Schülern des kreisstädtischen Burggymnasiums zusammengesetzt hatte.

 

Dazu kamen eine Handvoll in Friedberg lebender US-Amerikaner, die mit dem Sport groß geworden waren und natürlich das Zeug zu Zuschauermagneten hatten. 1992 wurde der Zweitliga-Aufstieg gefeiert, vier Jahre später führte der Weg in die Bundesliga. Der Einzug in die Playoff bedeutete 1999 den größten Erfolg der Klubgeschichte.

Zwei Jahre später begann der schleichende Niedergang. Der Verband hatte im Streben nach Professionalität einen Erst- und Zweitliga-Spielbetrieb auf der großen, grünen Wiese im innerstädtischen Naherholungsgebiet nicht mehr genehmigt. Bauliche Veränderungen an der Seewiese wurden seitens der Stadt ausgeschlossen, ein Neubau war finanziell nicht zu realisieren, und auch die Nutzung des Baseballplatzes innerhalb der Kaserne scheiterte. Die Beharrlichkeit, mit der Überzeugungsarbeit zu leisten versucht wurde, blieb unbelohnt.

»Wir wurden immer wieder hingehalten. Rückblickend bin ich persönlich sehr enttäuscht. Die Basis war gelegt. Natürlich tut es weh, wenn ich mir vorstelle, wo wir heute hätten stehen können«, sagt Tippmann. Im Nachwuchs zählten die Braves in dieser Zeit zu den Aushängeschildern - bundesweit.

 

Den Hochburgen Regensburg, Mainz und Mannheim konnten die Kreisstädter auf Augenhöhe begegnen. Dreimal erreichten die Braves bei deutschen Nachwuchsmeisterschaften den zweiten Platz.

In den Jahren 2003/04 spielte Friedberg noch einmal mit einer Ausnahmegenehmigung zweitklassig, zehrte von der Jugendarbeit, die Paul Walters geprägt hatte. Die jungen Talente zog es schließlich ins benachbarte Bad Homburg, wo Baseball in dieser Zeit einen Aufschwung erlebte, Pläne für eine eigene Anlage realisiert wurden und wo die Hornets heute in der Bundesliga spielen.

Zeit scheint stehengeblieben

In Friedberg scheint die Zeit dagegen stehengeblieben. Damals wie heute treffen sich die Spieler zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn, um ihre Utensilien zunächst aus den beengten Lagerräumen einmal quer über die Seewiese zu schleppen, um anschließend das Spielfeld präparieren und Fangnetze aufstellen zu können.

 

Und am Ende, wenn die Gastmannschaft längst abgereist ist, werden die verschlagenen teuren Bälle (mit mehr als 100 Euro Verlust pro Spiel ist hier zu rechnen) in den Büschen gesucht, um diese zumindest für Trainingszwecke verwenden zu können. Sehr viel Idealismus gehört dazu.

2008 hatten die Braves nicht mal mehr eine einzige Jugendmannschaft stellen können, zwei Jahre später spielte zwar der Nachwuchs wieder, doch mussten die Herren mangels Masse aus dem Spielbetrieb abgemeldet werden. Ein Tiefpunkt. Seit 2015 nun spielen die Herren wieder. Zweimal in Folge stieg die Mannschaft auf.

In den 90ern wie auch heute dabei: Jamie Harrison. 53 Jahre ist der US-Amerikaner inzwischen alt, speziell in der Offensive macht ihm aber keiner etwas vor. Neben Harrison bringen Sascha Soltysiak und Patrick Walters reichlich Erfahrung mit. Dahinter hat Steffen Kurz, seit 1999 Trainer, eine Reihe junger Spieler zusammen, die vor einigen Jahren über Sommerferien- und Schulprojekte zu den Braves stießen und dem Nachwuchs nun langsam entwachsen.

 

Von einer »Wundertüte«, spricht Kurz, Rechtsanwalt aus Beienheim, vor dem ersten Saisonspiel gegen Rüsselsheim (Sonntag, 13 Uhr). Der Klassenerhalt sei das Ziel sagt der 49-Jährige. In Catcher Lukas Stawinoga, dem 20-jährigen Teamkapitän, und den Pitchern Walter, Leon Rosenbecker und dem 16-jährigen Hessenauswahlspieler Jan-Felix Schmidt hat er seine Leistungsträger.

Die Mitgliederzahl ist von einst über 230 auf mittlerweile 54 gesunken. Die Braves liegen damit im Trend. Der Baseball-Boom - zumindest an der Basis - ist vorbei. »Die Schere zwischen den beiden Bundesligen und den Landesverbänden klafft immer weiter auseinander. Baseball stagniert«, sagt Tippmann, der seit Anfang der 90er auch ehrenamtlich in die Verbandsarbeit eingebunden war und heute als Geschäftsführer des Hessischen Baseball- und Softball-Verbandes fungiert.

In Regensburg oder Paderborn stehen inzwischen Baseball-Internate, die Zahl der Vereinsgründungen ist hingegen verschwindend gering. In Hessen sind gerade einmal 15 Herren-Mannschaften für drei Spielklassen gemeldet; der Aufstieg von der Verbands- in die 2. Bundesliga ist in allen Bereichen Utopie.

 

International zählt Deutschland zu den Top-Nationen in Europa, weltweit wird die Nationalmannschaft auf Rang 20 geführt. »Baseball war über viele Jahre im Fernsehen nicht präsent und nicht in den Köpfen«, sagt Tippmann, verweist auf die Aufbruchstimmung im American Football und blättert im Foto-Album mit den vielen Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Quelle:

https://www.wetterauer-zeitung.de/sport/lokalsport/einmal-bundesliga-zurueck-11959164.html